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Stadtmenschen im Blickpunkt
Kürzlich war ich wieder mal in «Vitudurum», so der römische Name für Winterthur. Ich schlug da ein wenig Zeit zu Tode, weil ich auf einen Freund wartete, der dort ein Meeting hatte. So beschäftigte ich mich mit dem, was ich schon immer gerne tat: Menschen beobachten.
Schon damals, als ich noch ein Teenager war, ging ich des Öfteren mit Freunden an den Zürcher Hauptbahnhof, um Menschen zu begutachten. Dort trifft man auf ein nie enden wollendes Sammelsurium von verschiedenen Individuen. Ich setzte mich also in «Vitudurums» Fussgängerzone genüsslich in ein Strassencafé, bestellte mir eine Latte Macchiato und betrachtete die Menschen, die an mir vorbeiströmten.
Der Verlumpte
Zuerst fiel mir ein Typ auf, der in zerrissenen, dreckigen Hosen mit Tarnmuster, Kampfstiefeln, einem Stirnband und einer Flasche Bier in der Hand, taumelnd durch die Gegend torkelte. Er brüllte lauthals in einer mir fremderscheinende Sprache irgendetwas vor sich hin, was wohl nicht nur ich, sondern auch die anderen Menschen nicht verstanden. Er wollte dem Anschein nach auf sich aufmerksam machen - was ihm auch gelang - und wirkte dabei sehr aggressiv, so dass ihm die Passanten mehrheitlich aus dem Weg gingen.
Die Strassenmusikanten
Linkerhand von mir sass ein südländischer Typ mit einem jüngeren Partner (evtl. sein Sohn), ich tippe auf Rumänen. Beide sassen auf einem improvisierten Schemel, spielten Gitarre und sangen ein Lied mit gefühlten 20 Strophen, dass, wie es schien, nie enden wollte. Vielleicht verfügten sie über ein beschränktes Repertoire und zogen deshalb das Lied ein wenig in die Länge. Die Musik hörte sich grundsätzlich nicht schlecht an, aber eben, ein wenig monoton. Doch wie dem auch sei, die gespielten Weisen hellte die trübe Stimmung des Wetters, das damals vorherrschte, ein wenig auf.
Die Jungen
Es zog auch ein Heer junger Menschen an mir vorbei. Die Jugendlichen, vor allem die jungen Frauen, kokettierten mit ihren Reizen, waren oft mächtig aufgepeppt, stylisch und perfekt geschminkt. Sie trugen sehr figurbetonte Outfits und teilweise schon kurze Röcke oder der Mode entsprechend zerrissene, aufgeschlitzte Jeans, obwohl das Wetter weiss Gott noch nicht dazu einlud. Aber Hauptsache war wohl, dass es möglichst «cool» aussah. Wir waren ja auch mal jung und taten damals das Gleiche. Die Teenager schlenderten meist in kleinen Gruppen palavernd und gestikulierend an meinem Beobachtungsposten vorbei. Dabei setzten die Boys einen möglichst souveränen, lässigen Blick auf. Einige hielten Händchen mit ihrer Angetrauten und stellten so ihre noch scheue Verliebtheit zur Schau.
Die Alten
Im Gegensatz zu den Jungen defilierte, während ich dort sass, eine Armee von älteren Zeitgenossen eingemummt in dicken Mänteln, Winterschuhen, Schals und Handschuhen durch die Gassen. Vereinzelt mit Gehstöcken oder Rollatoren, schritten sie gemütlich dahin und achteten präzise darauf, einen Fuss vor den anderen zu stellen, um ja nicht zu stolpern. Die meisten Frauen hatten kurze oder halblange bis zum Nacken reichende graue Haare. Die Männer verfügten mehrheitlich über einen zurückgewichenen Haarkranz oder eine Glatze, die sie unter einem Hut oder einer Kappe verbargen. Dabei fiel mir eine Frau ganz besonders auf, sie trug ihre grauen Haare wie eine alte Indianerfrau ganz lang, stolz und offen zur Schau. Vermutlich spürte sie, dass sie beobachtet wird, denn sie blieb plötzlich stehen und scannte die Umgebung mit ihren Augen. Als sich unsere Blicke trafen, lächelte sie mich wissend an, nickte zwei-, dreimal mit dem Kopf und zog weiter ihres Weges. Eine spannende Erscheinung, eigentlich hätte ich sie ansprechen und zu einem Kaffee einladen sollen, wäre sicher eine interessante Begegnung gewesen, aber ich habe das Momentum verpasst.
Eltern und Kleinkinder
Auch eine Herde von Eltern stolzierte vor meiner auserwählten Beobachtungsnische mit ihren kleinen Schreihälsen und Kinderwagen von dannen. Sie zwängten sich durch das Gewühl an Menschenmassen und sahen jeden mit einem vorwurfsvollen Blick an, der nicht gleich aus dem Weg ging, wenn sie ihre vierrädrigen, aufgemotzten «Kinderpanzer» vor sich hinschoben. Bei kleinen Kindern habe ich oft das Gefühl, dass sie demnächst auf die Nase fallen, weil sie ihr Gleichgewicht noch nicht im Griff haben, wenn sie so zottelig, wie ein frischgeborenes Fohlen durch die Gegend staksen. Aber ihre Eltern hatten das voll im Blick und waren meist schneller zur Stelle als ich hinsehen konnte, wenn die Kleinen nur ansatzweise ins Schwanken gerieten.
Extrovertierte und graue Mäuse
Nebst den Extrovertierten, die gerne ein wenig zu laut sprachen, weil sie sich wohl selbst gern reden hören und meist sehr modern oder auch «hipp» gekleidet waren, huschte auch die eine oder andere graue Maus des Weges. Ihr äusseres Erscheinungsbild war eher unauffällig: Grauer Mantel, graue, braune oder flache Schuhe und Kleider, die so aussahen, als ob sie den Kleiderschrank ihrer Grosseltern geplündert hätten. Den Blick stur auf den Boden gerichtet und eiligen Schrittes hasteten sie scheinbar zielstrebig hinfort. Ich hatte oft das Gefühl, sie hätten Angst, dass man sie ansprechen könnte und sie deshalb so schnell liefen und weder nach links noch rechts blickten.
Die Ausgeflippten
Ich weiss, es ist heute «in» die Haare grün, dunkelblau, orange oder rosarot, etc. zu färben, und zwar bei Männchen als auch Weibchen. Den einen, eher jüngeren Semestern steht es ja stellenweise wirklich gut, keine Frage. Aber wenn eine Oma des Weges kommt mit geschätzten 80 Jahren, in hautengen, schwarzen Leggins, die mehr preisgaben als es einem lieb sein kann und einer Figur, die dem Freund von Stan Laurel alle Ehren gemacht hätte, knallroten Lippen, wie sie dereinst Marilyn Monroe auftrug und dazu noch mit blauen Haaren, erntete von mir einen eher verständnislosen zweiten Blick, sowie ein verborgenes Lächeln und Kopfschütteln. Obwohl, ich sage es immer wieder, jedem das Seine.
Der Osterhase
Keiner hat ihn je gesehen, denn er hoppelt, wenn die Zeit reif ist, auf samtig, weichen und leisen Pfoten durch Städte und Dörfer. Manchmal sind seine Füsschen auch aus Schokolade oder Marzipan, denn Abwechslung macht bekanntlich das Leben schön (und süss). Er schleicht sich in der Nacht vor Ostern, wie das Christkind im Dezember, leise und unerkannt zu den Kindern dieser Welt Er versteckt hier und da ein kleines Osternest und zieht dann, leise wie er kam, wieder von dannen und freut sich, wenn die Menschen glücklich und zufrieden sind.
Der Beobachter
Er sass ruhig in einem Strassencafé und begutachtete die Menschen, die an ihm vorbeizogen. Er machte sich Gedanken über dies und das. Er amüsierte sich köstlich, blickte verwundert mal hierhin mal dorthin und drehte auch schon mal den Kopf, wenn eine bildhübsche Frau in sein Blickfeld trat. Ab und zu schenkte er dem einen oder anderen Passanten auch schon mal ein schüchternes Lächeln oder flirtete unauffällig und dezent mit der Serviertochter, die seine Blicke wohl eher als Kompliment und weniger als Belästigung empfand, da sie ebenso dezent zurückflirtet. Er, der ruhige, schweigsame Beobachter schliesst nun diesen Text, obwohl er noch endlos weiterschreiben könnte, denn es gibt so viel verschiedene Menschenschläge auf dieser Welt, die das Hier und Jetzt so vielseitig und farbig machen, wie das Leben eben ist. Daher könnte sich das hier Zugetragene auch in jeder anderen Stadt abgespielt haben. Vielleicht auch bei Ihnen in Zug, Basel, Luzern oder sonst wo.
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Musiktipp
Und hier ein weiterer Musiktipp zu Ostern hin: Jacob Gurevitsch (Lovers in Paris)
https://www.youtube.com/channel/UC9BaAOUa2BqNqdJ1qOuS_Ng
Dany Kammüller, April 7, 2023 8:46 AM