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Mehr vom Leben – mehr (er)leben
Wenn das Jahr langsam sein Haupt neigt, zum ewigen Ende hin. Wenn sich die Blätter an Bäumen und Sträuchern bunt verfärben, sich im Winde von den Ästen lösen und sanft zu Boden schweben, ja dann sollte man meinen, dass auch bei uns Menschen wieder vermehrt Demut einkehrt. Fehlanzeige!
Am Jahresende sollten wir eigentlich innhalten und mal einen Blick zurückwerfen, auf das, was war. Aber viele Menschen haben in der heutigen Zeit selbst dafür keine Zeit mehr. Voll Eifer blicken sie schon wieder voraus und fragen sich, was wohl kommen mag im neuen Jahr? Der Advent, St. Nikolaus und das Christkind ziehen wie ein Herbststurm an uns vorbei. Die Silvesterparty ist schon organisiert und der Osterhase steht auch schon in den Startlöchern. Der moderne Homosapiens hat die Fähigkeit verloren innezuhalten, durchzuatmen und einfach mal stillzustehen, um das, was war in all seiner Tiefe zu verarbeiten. Doch das lässt das moderne Leben nicht mehr zu, denn Stillstand ist für viele gleichbedeutet mit Rückschritt und Verlust. Wer nicht ständig ganz vorne an der Spitze der Gesellschaft mithält, ist ein Versager, ein Verlierer, ein Nichtsnutz.
Im Eilzug durchs Leben
Doch ist es nicht genau umgekehrt? Sind nicht jene Menschen am Ende weiser und mutiger, welche die Fähigkeit besitzen, hin und wieder gegen den Strom zu schwimmen oder aus dem ständigen Fluss der Gesellschaft ausbrechen, in dem sie am Ufer rasten, um von dort dem Treiben des Lebens zu zusehen? Es ist Fakt, dass man das wahre Leben nur im Stillstand, im Hier und Jetzt, mit all seinen Facetten erkennt. Man sieht, fühlt und erlebt die Umwelt viel intensiver. Wer jedoch im Eilzug mit Scheuklappen durchs Leben rast, sieht nicht was links und rechts geschieht. Er sieht nur das, was vor ihm liegt und was er dort sehen will, frei nach dem Motto: Immerzu nur vorwärtsstreben, vergiss das vergangene Leben. Macht und Geld ist das, was zählt auf unserer rasend schnellen Welt. Punkt!
Immer schneller
Daher verwundert es nicht - wie aus einer Studie der Berner Fachhochschule im Auftrag des Arbeitnehmenden-Dachverbandes Travail Suisse hervor geht - dass sich 43 Prozent der Schweizer/innen vor allem am Arbeitsplatz gestresst und überfordert fühlen. Trotzdem finden diese Menschen sogar in der Freizeit und im Urlaub keine Ruhe, denn man muss noch dies und jenes schnell erledigen und dabei muss immer alles ganz schnell gehen. Immer schneller, immer höher, immer weiter, immer mehr von allem, bis es zu spät ist und der Sargnagel eingeschlagen wird. Doch wie sagte schon der chinesische Philosoph Konfuzius: «In der Ruhe liegt die Kraft.»
Alles hat zwei Seiten
Menschen kommen und gehen, das ist der ständige Zyklus des Lebens. Während sich die einen über die Geburt eines Kindes freuen, trauern andere über den Verlust eines geliebten Menschen. Ja, alles im Leben hat zwei Seiten. Egal wohin wir auch blicken, egal was wir tun, wer oder was wir sind, niemand kann der Dualität des Lebens entfliehen. Geburt und Tod, Hass und Liebe, Arm und Reich, Gross und Klein, Krieg und Frieden und eben auch Eile und Stillstand etc, alles unterliegt dem Gesetz der Dualität. Darum ist es wichtig, dass wir stets darauf achten, dass die Waage des Lebens ausgeglichen ist: Nicht nur das eine ist wichtig, sondern auch das andere, nicht nur der Einzige ist wichtig, sondern auch der andere. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Adventszeit und halten Sie ab und zu mal inne.
Lesen Sie, wenn Sie mögen auch mein Gedicht mit dem Titel «Keine Zeit» unter:
https://dakapublic.ch/poetry/keine-zeit
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Dany Kammüller, November 26, 2022 7:52 AM