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Menschen ohne Gesichter


Ich gehe durch die Strassen und suche nach Menschen, die wie ich, erhobenen Hauptes, die Welt betrachten. Aber ich sehe fast nur Menschen ohne Gesichter.


Egal wo der vermeintlich moderne Mensch in der Schweiz geht und steht, er geht in gebückter Haltung, egoistisch nur auf sich selbst bedacht. Er der Mensch, der sich für nichts und niemanden mehr interessiert. Er der Mensch, der keine Blumen mehr sieht, kein Kiesel im Bach, keine Rehe auf der Wiese, keine Tannen im Wald, dafür ein kleines viereckiges Display.


Wo leben wir?


Ich frage mich, in was für einer Welt leben wir eigentlich und wohin uns dieses Leben noch treiben wird. Als ich noch ein Kind war, sprach ich mit meinen Freunden von Angesicht zu Angesicht. Wir trafen uns draussen, sangen, rannten, hüpften und spielten zusammen in der Natur, im Wald und im Dreck. Wir kletterten auf Bäume, bastelten Pfeil und Bogen, machten ein Lagerfeuer, wie wir es von unseren Eltern gelernt haben. Heute spielen die Kinder auch noch, auf dem Handy, dem Tablet oder dem Computer, zuhause in der Stube, sauber und steril. Um Himmelswillen, draussen könnte ja weiss Gott was passieren. Genau das lernen die Kids von ihren grossartigen Vorbildern, den Eltern, die gleichfalls dem modernen elektronischen Egoismus verfallen sind und mit gebückter Haltung durchs Leben gehen und nur noch auf ihre kleinen, doofen Bildschirme starren. Ich habe das Gefühl, die Menschheit entwickelt sich zurück. Bedenkt man, wie lange es in der Geschichte der Evolution gedauert hat, bis der Mensch aufrecht gehen konnte und wie lange es dauerte, bis er wieder, wie die Affen, jene gebückte Haltung einnahm. Blicken Sie ums sich, sehen Sie sich die Menschen heute an. Die Menschheit vereinsamt.


Guten Tag und Grüezi


Wenn ich auf der Strasse hin und wieder anderen Zeitgenossen begegne und ihnen spontan einen guten Tag wünsche, erschrecken viele von ihnen, weil ich sie mit einem «Guten Tag oder Grüezi» aus ihrer Ego-Welt hinausriss. Manchmal erntet man gar böse Blicke anstelle eines freundlichen oder dankbaren Lächelns oder der Erwiderung des Grusses. Sie sehen mich in ihrer gebückten Haltung nicht, sie haben keine Gesichter mehr. Wie gerne sähe ich das Antlitz meiner Mitmenschen wieder. Schöne, alte, glatte, junge, gezeichnete, faltige, freundliche, bemerkenswerte Gesichter mit Ausstrahlung, Eleganz und Lebensfreude statt Ignoranz.


Wohin des Weges?


Ich sehe Paare, die sich im Restaurant gegenübersitzen, aber nicht miteinander reden, weil beide mit ihrem Handy beschäftigt sind. Ich sehe Fussgänger, welche die Strasse betreten, ohne zuvor nach links oder rechts zu blicken. In Japan gibt es gar schon spezielle Fussgängerzonen für «Handyholiker». Ich frage mich wie lange es in der Evolution der Menschheit noch dauern wird, bis der Homosaphiens ausgestorben sein wird und wir, anstelle von runden oder ovalen, plötzlich viereckige Köpfe haben, weil die Maschinen und Roboter die Weltherrschaft übernommen und der Mensch sich den Maschinen unterordnete? Irgendwann in ferner Zukunft macht der «Homomaschinikus» Ausgrabungen und fragt sich erstaunt, in was für einer seltsamen Welt ihre Urahnen gelebt haben mögen? So frage ich mich ganz im Ernst, wohin des Weges gehen wir, wohin nur, wohin …? info@dakapublic.ch


Dany Kammüller, November 11, 2022 11:19 AM