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«Warte mal schnell …»
Bis ein Baum so viele Wurzeln des Lebens geschlagen hat braucht es viel Zeit. Die Natur kennt keine Eile, denn es kommt so oder so alles wie es kommen muss. Bild: Dany Kammüller
Unser halbes Leben besteht aus Warten. Jeder/jede von uns ist diesem Phänomen tagtäglich in irgendeiner Form ausgesetzt. Doch in der heutigen, schnelllebigen Welt wurde Warten zu einer sprichwörtlichen Zeitverschwendung. Viele Menschen sind der Meinung, dass unsere Zeit zu kurz und zu kostbar ist, um sie mit Warten zu vergeuden.
Als ich mich aufmachte, um der Thematik des Wartens auf den Grund zu gehen, kam ich mir stellenweise vor wie der griechische Philosoph Sokrates, welcher dereinst sagte: «Ich weiss, dass ich nichts weiss». Im Zuge meiner Recherche wurde mir bewusst, dass wir einen Grossteil unseres Lebens mit Warten verbringen, obwohl viele eigentlich gar keine Zeit mehr dafür haben. Wie oft hören wir die Aussage: «Warte mal schnell…» Da drängte sich mir die Frage auf: Kann man wirklich «schnell warten»? Eine interessante philosophische Frage.
Schnell warten?
Warten heisst, dass man etwas erwartet oder erhofft, das noch nicht eingetreten ist. Schnell warten könnte daher bedeuten, dass man die Zeit des Wartens möglichst kurz gestalten oder empfinden will. Demnach verfliegt die Zeit, wenn wir Spass haben. Doch haben wir auch Spass, wenn die Zeit verfliegt? Unglaublich, kaum hat man auf eine Frage eine halbwegs vernünftige Antwort, drängt sich schon die nächste auf. Tja, wie gesagt, ich weiss, dass ich nichts weiss. Es gibt anscheinend kein allgemeines Rezept dafür, wie man die Zeit beschleunigen oder verlangsamen kann, sondern nur individuelle Strategien und Erfahrungswerte.
Die Zeit …
…vergeht immer gleich schnell und doch kommt es uns stellenweise so vor, als ob sie rennt oder langsam dahinschleicht. Wenn man zum Beispiel auf etwas wartet, schwindet die Zeit schleppend, hingegen im Urlaub verfliegt sie in Windeseile. Die Diplom-Psychologin Dr. Isabell Winkler von der Technischen Universität Chemnitz sagte dazu: «Das Warten dauert dann lang, wenn man sich auf die verstreichende Zeit konzentriert. Lenkt man sich aber ab, etwa durch das Internet, Videos oder Musik, scheint die Zeit schneller zu vergehen.» Leuchtet ein.
Zeitdiebstahl?
Es heisst auch, wer in der heutigen Zeit warten muss, hat schlecht geplant, ist schlecht organisiert, vorbereitet und/oder informiert, etc. und wer uns warten lässt, stielt uns einen Teil unserer ach so wertvollen Zeit, so die landläufige Meinung, denn Zeit ist Geld und nur das zählt in unserer schnelllebigen Welt. Tragisch, aber bei vielen leider wahr. Doch wie sagte dereinst ein First Nation Häuptling vom Stamm der Cree zum Thema Geld: «Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, wird der weisse Mann feststellen, dass man Geld nicht essen kann!» Doch wie dem auch sei, Geld ist in der heutigen Zeit ein notwendiges Übel, damit wir bestehen können. Aber das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen. (Zitat des Arztes und Philosophen Albert Schweitzer 1875 – 1965).
Warten auf Godot
Nun, wer heute unfreiwillig zum Warten verdammt ist, kann auch gleich auf «Godot» warten, was in der Umgangssprache so viel heisst wie, vergeblich oder aussichtslos auf eine Person oder eine Situation zu warten. Und doch warten wir immer wieder, denn das Leben ist ein Wartesaal. Wir warten an der Ampel, im Stau, beim Arzt, im Supermarkt, auf den Zug/Bus, auf den Samichlaus, Weihnachtsmann und den Osterhasen. Wir warten auf den nächsten, freien Parkplatz, auf das Ende eines Arbeitstages, auf den Beginn des Urlaubes, auf den Blog von Dany (hoffe ich zumindest 😊) und ein Leben lang warten wir bewusst oder unbewusst auf den Tod, mit dem das Warten vermutlich ein Ende findet oder von Neuem beginnt, wer weiss das schon.
Wartezeiten im Leben
Einer Studie zur Folge sitzen wir bei einer Lebenserwartung von rund 84 Jahren etwa 14 Jahre vor dem Fernseher. Eine Frau beschäftigt sich mit der Frage, was sie anziehen soll, circa neun Monate ihrer Lebenszeit. Zwölf Jahre hängen wir am Handy, 28 Jahre verbringen wir mit Schlafen, elf Jahre am Arbeitsplatz, 4.5 Jahre machen wir Urlaub und wenn wir uns zweimal am Tag die Zähne putzen, kommen wir nach 84 Lebensjahren auf 190 Tage und zum Schluss noch dies: Auf dem stillen Örtchen (WC) verbringen wir etwa drei Jahre. Alle hier aufgeführten Beispiele können, je nach individuellen Umständen, natürlich variieren. Aber wie dem auch sei und ob wir wollen oder nicht, wir verbringen täglich Zeit mit Warten, in welcher Form auch immer. Manchmal warten wir einsam, manchmal gemeinsam, aber wir warten.
Bereit sein ist viel …
Für viele vermeintlich moderne Zeitgenossen ist Warten ein Graus, weil sie verlernt haben innezuhalten, stillzustehen und die Momente der Ruhe und der Schönheit, die sich ihnen offenbaren, zu geniessen. Der Ungeduldige will immer alles sofort. Früher schrieben wir Briefe und versandten sie per Post. Da vergingen schon mal Wochen, bis wir eine Antwort erhielten. Heute «mailen» und «whatsappen» wir und wehe es kommt nicht gleich postwendend eine Antwort, werden viele ungeduldig und nervös. Tja, die Zeiten haben sich geändert, und zwar nicht zwingend zum Guten. Wie sagte doch dereinst der österreichische Dramatiker und Erzähler Arthur Schnitzer (1862-1931): «Bereit sein ist viel, warten können ist mehr.»
Ein gutes Ende
Der russische Schriftsteller und Philosoph Lew (Leo) Tolstoi (1828 -1910) bekannt durch Romane wie «Krieg und Frieden» und «Anna Karenina», formulierte das Thema Warten meiner Meinung nach sehr eindrücklich, verständlich und aufschlussreich: «Gebildete wissen: Wer sich auskennt, wer Bescheid weiss, kann warten. Warten auf das, was kommt, und warten auf Fragen und Antworten, die das Warten und das Abwarten zur Voraussetzung haben. Auf die Zukunft müssen wir alle warten, ohne Warten kommt sie nicht. Warten ist also nicht die Hölle. Die Hölle ist vielmehr ein Leben, das kein Warten kennt. Dann nämlich würde niemand mehr auf uns warten. Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.» Am Ende kommt also alles so, wie es kommen muss, ohne Hetze und ohne Eile. Und um es mit den Worten des deutschen Dichters Dieter Wilhelm Wackernagel (1806-1859) zu sagen: «Geduld bringt Rosen»
Musiktipp der Woche
Die Musik von Robert Haig Coxon ist auf ihre Art und Weise genial. Melodisch perfekt orchestriert, fliessen akustische Instrumente mit ätherischen Klangsphären zu einer erhebenden Musik-Synthese zusammen. Mich inspiriert und beruhigt diese Musik immer wieder. Und was sagte Albert Schweitzer nochmal: «Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.» Hört diese Musik und ihr werdet verstehen, denn alles im Leben ist vergänglich, vor allem die Zeit …
https://www.youtube.com/watch?v=Hjxn4oLwsJo
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Dany Kammüller, March 8, 2024 6:47 AM